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Mythos, Normen & Legenden

Dr. Ulrike Brandenburg

Bin ich eigentlich schön genug? Bin ich toll genug beim Sex? Habe ich einen richtigen Orgasmus? Gott, meine Oberschenkel sind zu dick. Meine rechte Schamlippe ist größer als die linke. Habe ich nicht irgendwie zu wenig Lust, bin ich noch jung genug? Fragen, die nur das Aussehen, die Sexualität, das Alter – also Äußerlichkeiten – eines Menschen betreffen. Aber ist es wirklich so? Wie fühlt es sich an? Und was sagen Frauen selbst dazu?

Susanne, 34 Jahre, 1 Kind, verheiratet, kaufmännische Angestellte:
„Eigentlich habe ich eine ganz gute Beziehung zu meinem Körper. Aber wenn ich mir vorstelle, meinen Traumkörper zu haben, also etwas dünner und etwas größer zu sein, nicht so fusselige Haare – dann, glaube ich, wäre ich selbstbewusster. Ich glaube, ich würde mich dann mehr trauen – in allen Bereichen.“


Karolin, 19 Jahre, Schülerin:
„Ich mag mich schon, eigentlich habe ich eine gute Beziehung zu meinem Körper. Ich bin auch recht selbstbewusst, bin gut in der Schule, mache jetzt bald Abitur und finde das auch albern – dieses ganze Getue rund um den Körper. Aber irgendwie fühle ich mich auch nicht frei davon. Ehrlich gesagt, denke ich oft ans Essen und ich glaube, ich wäre zufriedener, wenn ich etwas dünner wäre. Dabei bin ich nicht zu dick. Ich fühle mich aber immer so. Und ich verbinde ‚ein bisschen dünner sein’ damit, potenter, erfolgreicher und glücklicher zu sein. Das macht mich nachdenklich. Aber will ich das überhaupt? Tut mir das gut, diese komische Schlankheitsnorm? Ich frage mich auch oft, ob das nicht vielmehr eine Norm ist, die von außen gemacht ist, sich aber anfühlt, als wäre es meine eigene innere Haltung.“


Christa, 39 Jahre, technische Zeichnerin, geschieden, jetzt in neuer fester Beziehung, zwei Kinder aus erster Ehe:
„Mein größter Stress ist der Orgasmus. Allein habe ich damit keine Probleme. Mit meinem Freund klappt es aber überhaupt nicht. Er ist total feinfühlig und liebevoll, aber es geht nicht. Ich merke, wie er sich unendlich bemüht, ja fast abarbeitet. Ich bemühe mich auch, strenge mich regelrecht an, mich fallen zu lassen, aber es geht nicht. Mittlerweile wird Sex für mich immer mehr ein Frustthema. Ich merke, wie ich mich zurückziehe. Ich fühle mich so unzulänglich. Wenn wir wenigstens darüber reden könnten! Aber wie?“


Vera, 61 Jahre, Grundschullehrerin, geschieden, allein lebend, drei große Kinder:
„Älter zu werden finde ich nicht einfach. Früher habe ich immer gedacht, das wäre kein Problem, solange man sein Alter einfach akzeptiert. Heute merke ich, wie ich mich wertloser fühle, obwohl es mir gut geht, ich fit und auch mit meinem Aussehen zufrieden bin. Ich sehe auch so alt aus, wie ich bin, also eigentlich okay. Aber uneigentlich habe ich das Gefühl, dass ich öffentlich weniger sichtbar bin. Egal wo ich mich aufhalte, werde ich zwar respektvoll und freundlich behandelt, aber nicht mehr als sexuell potente Frau wahrgenommen. Neulich, als ich mich um einen Stadtführungsjob bemühte, da fragten sie nach meinem Alter und als ich sagte: „61“, habe ich gemerkt, dass ich mich schämte. Und diese Scham, ja fast Schuld – die tut mir nicht gut. Die hemmt und bremst mich. Sie führt dazu, dass ich mich öffentlich zurückziehe, dass ich mich immer weniger traue und dass ich an mir zweifle. Und das will ich eigentlich gar nicht.“


Nicole, 27 Jahre, Studentin der Psychologie:
„Das beste Rezept, mich nicht okay oder nicht genügend oder eben nicht potent zu fühlen, ist: mich ständig durch die Augen der anderen zu sehen. Das tut mir nicht gut. Aber auf mich zu hören, auf meinen Körper zu achten und dann erotisch die Welt zu erschaffen – das macht mich potent, das macht mich stark.“

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