Kulturelle Sexualnormen haben einen gigantischen Einfluss auf weibliches sexuelles Verhalten und Erleben. Erst recht in einer Zeit, in der Sexualität und sexuelle Normen und Mythen unglaublich medial verbreitet werden. Fast ohne es zu merken, futtern wir sie in jeder Zeitschrift, bei Fernsehbeiträgen und -filmen, Werbebroschüren usw. Sich davon frei zu machen ist schwer. Gleichzeitig ist es aber unendlich wichtig
Die Zitate machen deutlich, wie diese Normen Unfreiheit und auf Dauer Selbstunsicherheit sowie persönliche Scham bedeuten können. Diese Scham steht persönlicher Weiterentwicklung oft entgegen. Wie also werden Frauen freier von diesen entwertenden Sexnormen – den Model-Kultkörpern oder jugendlichen Stil-Ikonen oder Orgasmus-und-Lust-zur-richtigen-Zeit-Maschinen? Spätestens da, wo Mädchen, junge Frauen, ältere Frauen – egal welchen Alters – merken, dass sie beginnen, sich dafür zu schämen, nicht so zu sein, wie sie glauben sein zu müssen, ist es wichtig, innezuhalten. Und sich die Frage zu stellen: Was will ich eigentlich?
Was wäre denn, wenn ich trotz dieser Normen und meines negativen Gefühls dennoch das tun würde, was ich eigentlich will?
Was würde es bedeuten, wenn ich – obwohl ich der Meinung bin, dass ich nicht den idealen Körper habe – mich mit meinem Körper insoweit anfreunde, dass ich mich so verhalte, als hätte ich den idealen Körper, nämlich meinen?
Was würde es bedeuten, wenn ich meinem Freund, nachdem er nun ein halbes Jahr versucht, mir einen Orgasmus zu machen, vorschlage, einfach mal mitzuhelfen – und mich bei unserem Sex einmal selbst mitzustimulieren, um so vielleicht für Entspannung zu sorgen?
Was würde es bedeuten, wenn ich, obwohl ich nicht immer richtige Lust habe, trotzdem einfach einmal wieder körperliche Intimität gestalte: aktiv auf meinen Freund zugehe und ihn streichle? Weil ich eben Lust auf die Lust habe und darauf, meine partnerschaftliche Aktivität wieder aktiver zu gestalten?
Was würde es für mich bedeuten, wenn ich als 61-jährige Frau auf die kulturellen weiblichen Altersnormen pfeife und stattdessen entscheide, mir meinen Wert selbst zu geben, und mich entsprechend aktiv verhalte – auch öffentlich?
Was würde es bedeuten, wenn ich auf die gültigen Schönheitsnormen pfeifen würde – und mich mit meiner etwas größeren linken Schamlippe anfreunde, statt mich einer Operation zu unterziehen, bei der ich nie genau weiß, ob sie mich nicht auch beschädigt?
Was würde es bedeuten, wenn ich mich im Bett einmal nicht so verhalten würde, wie ich denke, dass mein Freund es erwartet? Sondern so, wie ich mich fühle? Wäre er irritiert, wäre ich verunsichert? Wäre er vielleicht erleichtert, wenn wir anschließend endlich einmal über das sprechen würden, was er und ich schon lange fühlen? Würde es vielleicht die eine oder andere sexuelle Unstimmigkeit zwischen uns deutlich machen, aber das Vertrauen zwischen uns wachsen lassen?
Nun, tun sie gut, diese Normen, Mythen und Legenden? Klar, sie sind gewachsen und haben mit menschlicher Ordnung zu tun, aber auch mit Unterwerfung. Es ist wichtig, dass Frauen jeden Alters prüfen, ob diese Normen ihnen und ihrer Liebe guttun. Wenn nicht – dann nichts wie raus!