Keine Lust – ohne Frust! Oder: der Tanz der Hormone
Dr. Anneliese Schwenkhagen
Hor(ror)mone
Untersuchungen an frisch verliebten Paaren haben ergeben, dass sich die Konzentration verschiedener Hormone und Botenstoffe mit der Zeit verändert. Am Anfang einer Beziehung ist z.B. der Spiegel des Stresshormons „Cortisol“, das vermutlich für den anfänglichen Rausch verantwortlich ist, bei Männern und Frauen deutlich höher als nach ein paar Monaten.
Ähnlich verhält es sich mit Dopamin und Noradrenalin. Mit einer Ausnahme: Geht es um Testosteron – das Männlichkeitshormon –, verhält sich die Konzentration bei Frauen und Männern entgegengesetzt. Bei Frauen steigt der Spiegel an, bei Männern fällt er erst einmal ab, um sich wenig später auf dem alten Niveau wieder einzupendeln.
Das kann entsprechende Folgen haben, denn männliche Hormone sind für beide Geschlechter unbestreitbar wichtig für die Lust. Fehlt Frauen Testosteron bzw. ist es nur in geringen Mengen vorhanden, so kann dies zu einer verminderten Libido und weiteren Beschwerden führen: Müdigkeit, Unwohlsein und eine schlechte Lebensqualität sind nicht selten die Folge.
Seit Mitte der 80er Jahre sind viele Untersuchungen durchgeführt worden, um zu klären, welche Bedeutung die männlichen Hormone für die weibliche Lust haben. Zusammengefasst kann man sagen, dass das Testosteron bei der Entstehung von Lust und bei dem, was wir als erregend empfinden, sicher eine Rolle spielt, seine Bedeutung darf aber auch nicht überinterpretiert werden.
Bei Männern kann ein Testosteronmangel zu Erektionsstörungen führen. Aber nur bei etwa einem Drittel der Patienten mit einem niedrigen Testosteronspiegel und Erektionsstörungen stellt eine Hormontherapie die Erektionsfähigkeit wieder her. Das macht deutlich, dass bei der Entstehung einer Potenzstörung auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Manchmal ist nämlich ein niedriger Testosteronspiegel bei Männern nicht Ursache, sondern Folge einer Erektionsstörung, da das Hormon bei sexueller Aktivität ausgeschüttet wird. Zusätzlich können auch Stress und Depressionen zu einem Absinken der Testosteronwerte führen.
Bei der Beurteilung der Vielzahl der an der Entstehung von Lust und Frust beteiligten Botenstoffe und Hormone muss man sich immer wieder klar machen, dass man es bei dem Thema Sexualität und Liebe mit einem sehr komplexen Netzwerk zu tun hat und dass man den Stellenwert eines einzelnen Botenstoffes nicht überschätzen sollte. Ein Symptom von Depressionen ist zum Beispiel häufig eine völlige sexuelle Lustlosigkeit. Würde man jetzt versuchen diese mit Hilfe von Testosteron zu bessern, so würde einem das nur schwerlich gelingen. Hier ist andere Hilfe nötig.

Müssen wir uns fürchten?
Nein. Zumindest sollten wir uns nicht fürchten, denn das Abhanden-kommen von sexueller Lust ist bis zu einem gewissen Grad ein „ganz normales“ Phänomen. Es kann die unterschiedlichsten (hormonellen) Gründe haben und bedeutet nicht automatisch, dass man krank ist oder dass man sich in einer Beziehung nicht mehr liebt. Wir alle sind vielleicht etwas zu sehr dem romantisch verklärten Bild einer „Hollywood-Ehe“ verfallen. Prickelnde Leidenschaft, die sich lang anhaltend auf einem gleich hohen Level durch die Beziehung zieht, wird wohl auch in Zukunft eher ein Produkt der Traumfabrik bleiben. Aber Hormone hin oder her: Lust auf Sexualität wird im Normalfall gehen, aber auch wiederkommen – und zwar genau dann, wenn wir uns nicht verrückt machen lassen.
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