Der lustlose Mann
Dr. Ulrike Brandenburg
Miriam (35 Jahre, MTA) versteht die Welt nicht mehr. Was ist bloß los mit ihrem Partner? „Vor zwei Jahren fing es an – ungefähr zu dem Zeitpunkt, als wir zusammenzogen. Zuvor lief auch nicht besonders viel, aber seitdem flüchtet er regelrecht vor mir. Zur Begrüßung, da nehmen wir uns noch in den Arm, da gibt er mir auch einen Kuss auf die Wange, aber sobald es ein bisschen intimer wird, wehrt er mich ab. Selbst wenn es abends mal gemütlich ist und ich mich auf dem Sofa an ihn herankuschle, wird er ganz starr. Entweder rückt er dann weg, muss gerade zum Klo oder irgendetwas anderes erledigen. Ich kann nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass ich als Frau für ihn überhaupt nicht mehr existiere. Er übersieht mich regelrecht. Und ich glaube mittlerweile, er will mich auch nicht mehr als Frau sehen und haben.“
Das Eingeständnis
Er heißt Jens, ist 34 Jahre alt und von Beruf Ingenieur. Auf ihre Vorwürfe schweigt er, schaut nach unten und wirkt wie versteinert. „Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist. Mittlerweile ist es wie eine innere Blockade. Manchmal spüre ich fast so etwas wie Panik. Und natürlich kommt des Öfteren das Gefühl auf, versagt zu haben. Ich schaffe es nicht, meiner Frau das zu geben, was ich ihr geben müsste und auch eigentlich geben will. Oft schäme ich mich dafür, weil ich mich wie gestört fühle. Und diese Scham ist qualvoll. Um sie nicht ertragen zu müssen, ziehe ich mich immer mehr zurück“, so seine Worte.
Offenheit ist das A und O
Mutig sind sie. Wie sie da sitzen und vor mir als Therapeutin sehr offen über ihr intimes Leid sprechen, das ist bewundernswert. Genau betrachtet sind es zwei Kerngedanken, die hier aufeinandertreffen. Sie denkt: „Er begehrt mich nicht“, während er überlegt: „Warum kann ich sie nicht begehren? Ich bin nicht normal.“ Hierbei handelt es sich um höchst intime und damit schutzlose Preisgaben, sich selbst wie auch dem anderen gegenüber. Allein schon diese Offenheit verändert etwas an der starren Paarsituation – an der Paralyse durch Scham und Kränkung. Sie reduziert emotionale Distanz und fördert vorsichtige Wiederannäherung und damit Zunahme von Intimität, emotionaler Nähe. Die wiederum ist die erste Voraussetzung dafür, dass dieses Paar etwas verändern kann.
Will er nicht oder kann er nicht?
Was hat es nun auf sich mit diesem Phänomen der zunehmenden „männlichen Lustlosigkeit“? Handelt es sich dabei um eine neue „Infektionskrankheit“ der Männer? Beschäftigen wir uns hier mit einem Phänomen der Rollenauflösung von Männern und Frauen? Passen sich Männer nun noch radikaler den Frauen an? Ist es vielleicht ein Zeichen männlicher Emanzipation – insofern, als Männer sich neuerdings auch das Recht herausnehmen, keine sexuelle Lust haben zu dürfen? Ehrlich gesagt, ist es leider unmöglich, eine pauschale Erklärung für das Problem zu finden, da die Faktoren, die dieses Verhalten auslösen, so verschieden sind wie der Mensch selbst. Klar ist jedenfalls, dass sich die Männer eine neue Möglichkeit eröffnet haben, sich dem Sex zu entziehen, nämlich die der Lustlosigkeit. Bis vor wenigen Jahren haben wir dieses Problem in unseren sexualtherapeutischen Ambulanzen und Beratungsstellen nur äußerst selten gesehen. Männer kamen oder wurden von ihren Frauen zu uns geschleppt, weil „es nicht mehr klappte“. Damit war immer die Erektion oder die Ejakulation gemeint, mit anderen Worten: Es klappte mechanisch nicht. Entweder wurde das Glied nicht steif genug oder es blieb nicht lange genug steif oder der Samenerguss kam zu früh oder zu spät. Letztendlich ging es also immer um die Funktion. Bei der männlichen Lustlosigkeit dreht es sich jedoch um eine völlig andere Thematik. Die Männer funktionieren. Sie können, aber sie wollen nicht. Das ist für beide Partner irritierend. Viele Männer leiden an ihrem „Nichtwollen“. Sie würden gerne wollen, spüren aber genauso wie viele Frauen eine unüberwindbare Hürde von Ablehnung, was ihr sexuelles Begehren gegenüber ihrer Partnerin betrifft.
Nichts überstürzen!
Was kann man tun? Das Wichtigste ist, dem Problem in die Augen zu schauen, es sich also einzugestehen und als Problem zu akzeptieren. So schwer das auch ist, so schafft allein diese Konfrontation auf der Paarebene wieder Nähe und nimmt auch manchmal bereits einen Teil der Kränkung. Vielleicht merkt sie, dass es nicht primär sie ist, die sein Begehren blockiert, sondern sehr viel mehr sein Leistungsdruck im Kopf. Der Druck, sie begehren zu müssen. Manch ein Paar kann sich nach einer solchen Aussprache vielleicht bereits allein helfen. Hilfreich dabei ist es, zunächst nicht auf den Genuss zu achten, sondern auf die Wiederannäherung. Unterstützend kann es auch sein, Erregung ganz außer Acht zu lassen. Um intimen Körperkontakt herzustellen, sollte man sich erst überhaupt wieder einmal streicheln, ohne sich gleich damit unter Druck zu setzen, genießen zu müssen. Eine lange Zeit der Enttäuschung über die gelebte bzw. nicht gelebte Sexualität sorgt oftmals dafür, dass man es zunächst als peinlich und fremd empfindet, sich wieder zu berühren. Da ist es völlig normal, dass ein Paar, das über lange Zeit keine unbeschwerte Sexualität hatte, nicht sofort in den göttlichen Höhen von sexuellem Genuss schweben kann. „Wir sind uns fremd geworden“, so ein Paar nach den ersten sexuellen Berührungsübungen, „aber wir sind auch froh, diese Bühne wieder betreten zu haben.“
Gemeinsam sind wir stark
Die, die es sich leichter machen wollen, gehen mit solch einer Problematik zum Therapeuten oder zur Therapeutin und lassen sich in dieser Phase unterstützen. Oftmals kommen im Rahmen eines solchen Prozesses Tabus auf den Tisch. Vielleicht traut er, der lustlose Mann, sich, Dinge auszusprechen, die er sich nie auszusprechen getraut hatte. Auch das eine oder andere Missverständnis kommt dabei ans Tageslicht. Vielleicht hat er geglaubt, es ihr in einer Art recht machen zu müssen, die sie
sich nie gewünscht hat. Weil aber auch sie nie darüber gesprochen hat, kam es zu diesem Irrtum. Natürlich kann es in einem solchen Prozess auch traurige Erkenntnisse geben. Natürlich können z.B. beide merken, dass er sie auf vielerlei Ebenen schätzt, liebt und auch begehrt, aber eben nicht auf der sexuellen. Gar nicht so selten wird auch deutlich, dass seine Lustlosigkeit ein anderes Problem verdeckt hat, zum Beispiel seine Angst davor, dass es mit der Erektion oder der Ejakulation nicht klappt. Manchmal hat er die Erfahrung gemacht – ohne dass sie es vielleicht überhaupt bemerkt hat –, dass er die Erektion nicht so lange hat halten können, wie er glaubte, dass sie es braucht. Oder aber der Mann kam vor lauter Anspannung nicht zur Ejakulation, die sie wiederum als ein Zeichen seiner Befriedigung für ihre Befriedigung brauchte usw. Auch so kann sich mehr oder weniger unbewusst aus Angst vor weiterem sexuellem Versagen eine Lustlosigkeit einstellen, die ihn schützt. Die Gründe für die männliche Lustlosigkeit sind genauso wie die für die weibliche Lustlosigkeit vielschichtig und können nur individuell im Zusammenhang mit dem betroffenen Mann wie auch dem betroffenen Paar verstanden und gegebenenfalls verändert werden. Unterm Strich glaube ich jedoch, dass bei allem Leid, das die männliche Lustlosigkeit schafft, es ein bereichernder Aspekt ist, dass auch Männer sich erlauben, keine Lust zu haben. Nur muss man diese Lustlosigkeit gemeinsam überwinden.
 |
 | Männer und Verhütung? Wir befragten über tausend Männer. Hier sind die Ergebnisse!
|
 |
 | Wissen Sie, was Männer wirklich denken und wünschen? Hier erfahren Sie es!
|
 |