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„Lässig lustlos“ – pfeifen Sie
auf die Lust

Dr. Ulrike Brandenburg

Neulich kam eine Patientin, Anfang 30, zu mir in die Praxis. Bereits zum dritten Mal in Folge erlebte sie, dass sie nach einem halben Beziehungsjahr ihre sexuelle Lust verloren hatte. Sie war verzweifelt, denn sie hatte Angst um ihre Beziehung.
Im Verlauf unseres Gesprächs sagte sie: „Wenn dieses ganze Theater mit der Lust nicht wäre, dann hätte ich, glaub ich, wirklich Lust.“ Dieser Satz machte mich nachdenklich. Ich stellte mir die Frage, inwieweit wir eigentlich alle dem Mythos „Lust“ erlegen sind.

Der Mythos Liebe = Lust

Sexuelle Lustprobleme sind immer auch Liebes- und Beziehungsprobleme, und damit sind sie existenzielle Probleme. Sie bedrohen die Liebe. Und wer kennt sich damit schon aus? Wer hat nicht schon die ein oder andere Blessur in Sachen Liebe? Und wer sehnt sich nicht nach einer dauerhaften Beziehung? Wie geht das? Und was hat das mit Lust zu tun?

Wenn wir das Thema sexuelle Lust betrachten, fällt auf, dass das Konzept von sexueller Lust noch
nie richtig hinterfragt wurde. Es gibt eine ganze Reihe Mythen, die besagen, Lust hat man einfach, Lust ist spontan, wer sich liebt, hat auch Lust aufeinander, und zwar gleichzeitig. Lust bedeutet: „Ich finde dich attraktiv“, und das bedeutet: „Ich liebe dich.“ Oder: „Er hat Lust auf mich, er liebt mich, er findet mich attraktiv.“ Der „Lustmythos“ ist gnadenlos. Er diktiert nicht nur, dass Liebe gleich Lust bedeutet, sondern auch, dass ein gut funktionierendes Paar eines ist, das Lust spontan, zur gleichen Zeit und auch noch auf dasselbe hat. Ist das nicht der Fall, ist man ein gestörtes Paar, so der Lustmythos.

Lust ist kein Muss

Dieser Mythos und seine Regeln sind alles andere als Lust machend, sondern klingen vielmehr nach Lusttyrannei und Reglementierung – also nach einem guten Rezept, auf diese Art von Lust schnellstens wieder verzichten zu wollen. Vielleicht geht es ja gar nicht um einen Verlust des sexuellen Begehrens, an dem so viele Paare leiden. So kann es durchaus sein, dass sich Unsicherheiten und Schwierigkeiten mit der Verhütung negativ auf die Lust auswirken. Kein Stress beim Sex

Möglicherweise drückt sich in diesem vordergründigen Verlust der Lust aber lediglich das Aufbegehren gegen die Normierung von partnerschaftlichem sexuellem Begehren aus. Dafür sprechen übrigens auch die Masturbationsquoten. Diese machen deutlich, dass die so genannten lustlosen Paare allein plötzlich alles andere als lustlos sind.

Wer hat eigentlich bestimmt, dass Lust immer die Voraussetzung für sexuelles partnerschaftliches Handeln sein muss? Muss man wirklich immer Lust haben, bevor man sich sexuell miteinander beschäftigt? Woher kommt eigentlich das Postulat, nicht mit ihm oder ihr zu schlafen, wenn man keine Lust hat? Warum eigentlich nicht? Warum darf partnerschaftliche sexuelle Aktivität nicht Geschenk sein, nicht freiwilliges Tauschobjekt oder nicht Experimentierfeld?

Warum hat der Satz „Ich habe keine Lust“ mehr Wert als „Gemeinsamer Sex würde uns vielleicht gut tun“? Was wäre, wenn der Beziehungsaspekt genauso gewertet würde wie die Unantastbarkeit der persönlichen Gefühle?

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