Was verstehen Sie unter Smart Sex?
Dr. Ulrike Brandenburg
Aufgeben als Ausweg?
Das sind Worte, die von langjähriger enttäuschter körperlicher Liebe berichten. Aber sind es Worte, die ein Erleben beschreiben, dem wirklich nichts anderes als Resignation bleibt? Ist Resignation an dieser Stelle der einzige Ausweg? Ich glaube nicht. Aufbruch in ein sexuelles Lernen kann in jedem Alter stattfinden. Völlig egal, ob wir 20, 40, 60 oder 80 Jahre alt sind.
„Ich hatte noch nie einen Orgasmus. Ich hätte gern einen.“
Mit Sicherheit kostet es Mut, sich zunächst einmal seine sexuellen Wünsche bewusst zu machen, sie zu akzeptieren und sich dann auch noch dafür einzusetz
en. Und bestimmt hat man dabei auch mit der eigenen Scham zu kämpfen. „Ich will tanzen lernen. Ich will mehr Kompetenz in meinem Beruf erlangen.“, das sind Sätze, die ohne Schwierigkeiten und auch öffentlich auszusprechen sind. „Ich will mehr Kompetenz beim Sex, ich will, dass ich mich beim Sex leichter fühle, ich will beim Sex mehr ausprobieren“, … das sind hingegen Sätze, die in ein Zwangskorsett von kulturell erlernter Scham tief eingebettet sind.
Keine falsche Scham
„Sexuelle Weiterentwicklung“, „Smart Sex“, „sexuelle Kompetenz“ sind Begriffe, die kulturell eher negativ normiert sind. Wenn sie aber unsere Wünsche widerspiegeln und somit Teil von uns sind, kommen wir nicht umhin, sie ernst zu nehmen und uns mit unserer diesbezüglichen persönlichen Scham auseinanderzusetzen.
Bitte, nimm mich!
„Es fiel mir unendlich schwer, meinem Freund zu sagen, dass ich es gern hätte, wenn er mich einfach mal nehmen würde. Und fast noch schwerer fiel mir, ihm zu sagen, dass ich einfach nur angenervt bin, wenn er immer fragt, ob es schön für mich ist“, so Anna, 19 Jahre. „Er war dann auch erst etwas schockiert, aber dann haben wir meinen Wunsch einfach einmal gespielt. Es war gar nicht so gigantisch erregend, aber es war so anders und auch witzig. Seither probieren wir öfter mal was aus. Plötzlich traut er sich auch viel mehr, seine eigenen Wünsche zu äußern. Diese Entwicklung tut gar nicht nur dem Sex gut, sondern auch unserer Beziehung. Es ist viel entspannter und vertrauter zwischen uns geworden.“
Alles kann, nichts muss
Müssen wir denn nun alle kreativen Sex leben? Sicherlich nicht, der Kern sexueller Weiterentwicklung ist Selbstbestimmtheit und damit Eigenverantwortlichkeit. Natürlich ist es auch okay, wenn ein Mann oder eine Frau sich entscheidet, für eine Weile nicht sexuell aktiv zu leben. Es kann auch okay sein, wenn sich ein Mensch entscheidet, niemals irgendeine Art von Sexualität zu leben. Wichtig allein ist die Frage: „Was kann ich tun, damit die von mir gelebte Sexualität möglichst viel mit mir zu tun hat?“ Natürlich stellt sich diese Frage immer wieder aufs Neue im Kontext der unterschiedlichen Beziehungen, in denen wir leben.
Aus Lust wird Frust
Mit Nachdruck soll an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass sexuelle Kreativität oder Smart Sex keineswegs so sein soll wie all die grauenvollen Genussanleitungen wie zum Beispiel: „Gestalten Sie Ihr Happy Weekend. Kaufen Sie sich Champagner und Dessous und Sie werden sehen, es wird erotisch wie noch nie.“ Dies sind Aufforderungen, die gerade bei sexuell angespannten Paaren fast regelmäßig in Enttäuschung und Selbstzweifeln statt in dem versprochenen Genuss enden.
Party mit mir selbst
Natürlich kann auch die „Ich-trau-mich-nicht-Haltung“ ein gutes Rezept für Enttäuschung und Selbstzweifel sein. Diese Haltung haben viele Frauen gegenüber ihrer Sexualität. Aber tut sie mir gut? Tut sie meiner Liebe gut? Das muss jede Frau selbst entscheiden. Wichtig ist, dass wir uns diese Frage überhaupt einmal stellen. Wenn wir dabei zu dem Ergebnis kommen sollten: „Hm, eigentlich tut mir diese Haltung nicht gut, sie bremst mich nur“, – dann wäre es gut, einen Gedanken auf die Frage zu verwenden: „Wie wäre es denn, wenn ich diese Haltung ändern würde? Vielleicht bekäme ich sogar Lust, meine Sexualität selbst in die Hand zu nehmen.“
No risk, no fun
Darüber hinaus fängt man an, sich Fragen zu stellen wie „Wie hätte ich es gern? Weiß ich das überhaupt schon? Oder will ich es einfach einmal ausprobieren?“. Ein Patentrezept gibt es nicht. Und risikolos ist das Ganze auch nicht. Natürlich kann es sein, dass der andere zunächst mal irritiert und verletzt ist. Im besten Falle aber hört er zu und wird nachdenklich. Und so hat bereits Veränderung begonnen. Von dieser Miniveränderung wird das nächste sexuelle Zusammensein mit Sicherheit beeinflusst sein und erlaubt darauf aufbauend Neues und damit Erfahrung. Das ist Weiterentwicklung. Warum sollten wir es nicht einfach einmal probieren?
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